Hara-Bewußtsein

Autor: Anando Würzburger


Buch-Empfehlungen

Hara-Bewußtsein

Der Bauch will raus!

Vorbei sind die Zeiten, in denen weibliche Rundungen gefeiert und gepriesen wurden. Der durchtrainierte Flachbauch ist angesagt. Weiche, runde, wohlige Bäuche sind out! In der Wellnessabteilung eines großen Buchhandels fand ich ein Buch mit dem Titel "Der Bauch muss weg". Mit anderen Worten: Diät, Sport, Muskelaufbau und Fettabsaugen!

Was geschieht, wenn wir unserem Bauch mit dieser rigiden Einstellung begegnen und uns aufmachen, ihm und seiner Bedeutung den Kampf anzusagen? Was sind die Folgen davon? Haben wir es nach harter Arbeit und Entsagungen zum Flachbauch geschafft, entsprechen wir zwar äußerlich dem verhungerten Schönheitsideal, das uns die Medien ständig vor Augen halten. Wir sind vielleicht sogar stolz auf die Leistung, uns diszipliniert, die Pfunde abgespeckt zu haben, sind zufrieden, weil wir uns jetzt endlich attraktiv und begehrenswert fühlen, da uns nun die Kleidergröße 34 passt. Aber diese Zufriedenheit ist nur oberflächlich. Dieser "ideale" Bauch gleicht eher einem unerreichbaren Ziel. Und je mehr wir versuchen den Bauch einzuzwängen, desto mehr entfernen wir uns von dem, was der Bauch uns eigentlich zu bieten hat.

Hier sprudelt eine unermessliche Lebensquelle, das Hara. Es liegt ungefähr vier Zentimeter unterhalb des Bauchnabels. Aus dem Japanischen stammt das Wort "Harakiri", das Selbstmord bedeutet. Beim Harakiri wird ein Messer in das Hara, das Lebenszentrum, hineingestoßen. Auf eine Art begehen auch wir Frauen Harakiri, wenn wir unseren Bauch schlecht behandeln und zurückdrängen: durch enge und einzwängende Kleidung, in der der Bauch nicht atmen kann, durch hartes Training, wenn wir uns durch Liegestütze und Leistungssport die weichen Rundungen wegtrimmen wollen, durch`s Baucheinziehen, durch Speisen, die er nicht mag - und vor allem durch unsere kritische und ablehnende Haltung ihm gegenüber. Wir opfern unseren natürlichen Bauch einem künstlichen Schönheitsideal. Man könnte sagen, dass wir ihm feindlich gesinnt sind. Diese Einstellung hat weitreichende und schädliche Folgen, derer wir uns nicht bewusst sind.

In der chinesischen Medizin wird der Bauch als Quelle der kosmischen Energie angesehen. Hier liegt das Hara und gilt als das "Tor des Lebens". Ist es "verschlossen", sind wir energetisch unterversorgt. Das ist dann der Fall, wenn wir den positiven Kontakt zu unserem Bauch verloren haben, weil wir die Lebensenergie z.B. durch beengende Kleidung abschnüren, sie also dort nicht mehr frei fließen darf.

Osho benutzt das Bild eines Baumes, dessen Wurzeln das Hara symbolisieren. Mit den Wurzeln zieht der Baum Wasser als Nahrung zu sich herauf. Auf uns Menschen übertragen heißt das, wir ziehen mit dem Hara (den Wurzeln) kosmische Lebensenergie, auch "Chi" genannt, aus dem Universum. Von diesen Wurzeln ausgehend verteilt sich die Energie im Baum bis in die €ste und Zweige hinein. Das sind bei uns die verschiedenen Meridiane - Energiebahnen, die unsere Organe und Funktionen des Körpers mit Energie versorgen. Auf ihnen liegen auch die Akupunkturpunkte. Ziehen die "Wurzeln" kein Wasser - also keine Lebensenergie durch das Hara aus dem Kosmos - vertrocknet der Baum. Dann haben wir keine oder nur wenig Lebensenergie.

Im östlichen Verständnis ist der Bauch unser Zentrum, das Zentrum unseres Wesens. So gibt es viele traditionelle Körper-, Atem- und Achtsamkeitsübungen, die die Kraft des Haras stärken und kultivieren. Das Hara ist auch der Platz, aus dem japanische Schwertkämpfer, Zen-Bogenschützen oder Kalligraphiemeister ihre Energie schöpfen. Viele Buddhastatuen haben dicke Bäuche - viel runder, als sie im realen Leben gewesen sein können. Sie sind aber ein Zeichen dafür, wie viel Achtung dem vollen Bauch geschenkt wurde. Ein runder Bauch symbolisiert ein großes Hara und viel Lebensenergie.

In der westlichen, wissenschaftlich orientierten Welt ist der Glaube allgemein verbreitet, dass unser Kopf, unser Denken uns als Menschen definiert. Der Bauch wird auf die Verdauung der Speisen reduziert und somit auf ein dem Kopf untergeordnetes Organ. Neueste wissenschaftliche Forschungen belegen aber, dass im Darmgekröse die gleichen Gehirn- und Nervenzellen vorhanden sind wie im Kopf. Im Bauch werden wichtige Botenstoffe produziert, die unsere Stimmungen und Gefühle steuern und bestimmen. Emeran Meyer (siehe "Der Bauch - das 2. Gehirn"/GEO 11/2000), ein Neurowissenschaftler aus Amerika, vermutet sogar die Ursache von Depressionen in einer Fehlfunktion der Bauchhirnzellen. Demzufolge bildet das "Bauchhirn", ein neuer Ausdruck der Gastroenterologie, im kompliziert verknüpften Zusammenspiel mit dem Kopfhirn unser Unterbewusstsein. Soweit die jüngste Wissenschaft.

Der Bauch gilt seit jeher als Sitz unserer Intuition. Im Volksmund weisen viele Redewendungen auf seine Bedeutung hin: "..aus dem Bauch handeln", "... erstmal verdauen müssen". Wie Günther Jauch so gern in seiner Quizsendung fragt: "Was sagt Ihnen Ihr Bauch?". Die alte Weisheit aus dem Fernen Osten legt große Bedeutung auf das Wohlergehen und die Pflege des Bauches, dort gilt er als Ratgeber und Energiespender auf dem Lebensweg.

Und was machen wir modernen Frauen? Wir quälen ihn durch Schönheitsideale, die wir uns von der Modeindustrie aufdrängen lassen, und verleugnen unsere natürliche Weiblichkeit. Gerade in Deutschland wird das weibliche Prinzip mit seinen Qualitäten wie Weichheit, Hingabe und Gefühl abgelehnt und unterdrückt. Durch künstliche Ideale, denen wir hinterherjagen, verlieren wir die Verbindung zu unserer Quelle, schnüren den Bauch ab und hindern ihn so daran, uns mit seinen Schätzen zu bereichern.

Den Bauch abzulehnen heißt auch, sich von der Kraft des weiblichen Fühlens abzuschneiden, sich selbst "den Saft abzudrehen". Und zwar deswegen, weil so der Bauch nicht richtig funktionieren und produzieren kann. Die Chemie stimmt ganz einfach nicht, wissenschaftlich gesagt. Osho spricht vom Hara als dem "Sitz des Willens". Ohne Verbindung zum Hara sind wir wurzellos und es fehlt uns der Sinn für die eigene Richtung im Leben. Ohne Verbindung zu unserem Hara können wir aber nicht einmal wahrnehmen und unterscheiden, was gut und richtig für uns ist und laufen fremden Idealen hinterher (z.B. einem flachen Bauch), die uns nur noch weiter von uns entfernen. Eine wahre Teufelsspirale.

Fast wirkt es so, als habe sich jemand diese Schönheitsideale ausgedacht, um uns von unserer eigenen Kraft abzulenken, so dass wir wie die Schafe hinterherlaufen und brav das tun, was verlangt wird, aber auf gar keinen Fall einen eigenen Willen haben.

Liebe deinen Bauch und er wird es dir danken. Mit Wohlgefühl, Kraft und authentischen Bedürfnissen, die dir deinen ganz für dich bestimmten Weg weisen. Betrachte ihn mit neuen Augen, versöhne und verwöhne ihn.