Wiederentdeckung der Melancholie

Autor: Josef Zehentbauer, Dr. med., Arzt, Psychotherapeut und Autor

Wer sich in die Melancholie vertiefen möchte:
"Melancholie-Tage" auf der Insel Frauenchiemsee (Josef Zehentbauer und Dipl. Theol. Alfred Rott)


Buch-Empfehlung

Wiederentdeckung der Melancholie

In unserer herrschenden Kultur von Spaß-Gesellschaft und Konsumismus werden vielerlei pseudo-positive Ideale verbreitet: viel Geld verdienen, cool und erfolgreich sein und das Ego aufblähen. Und wer es nicht schafft, dauernd glücklich zu sein, dem sollen motivierende Lesefrüchte weiterhelfen beziehungsweise Erfolgsseminare oder Powertrainings von Vera Birkenbihl bis Jürgen Höller.

"In-Melancholie-leben" erscheint wie ein Gegentrend zur Lach- und Fun-Kultur à la Thomas Gottschalk. Doch die Wiederentdeckung der Melancholie ist kein neuer Lebenshilfe-Trend, sondern: Eine schweigende Mehrzahl von Menschen macht diskret auf sich aufmerksam ­ immerhin werden 20 bis 30 Prozent der mitteleuropäischen Bevölkerung zu den Melancholischen gezählt. Aber letztendlich hat jeder von uns Melancholie im Herzen. Manche verdrängen sie, andere erleben sie als süße Schwermut. Melancholie ist keine Krankheit, sondern eine “wunderbare Charaktereigenschaft" (Heidegger), voll von Tiefgang, Kreativität und (stiller) Leidenschaft.

Nicht irgendeine Stimmung ist die Melancholie, sondern sie ist lebensnotwendig wie die Luft zum Atmen. Vor allem künstlerisch oder lebenskünstlerisch wirkende Melancholiker bauen kunstvolle Brücken zum Unbeschreiblichen, zum Transzendenten.

So sind die Melancholischen in einer ungemein privilegierten und gleichermaßen leidvollen Situation: Sie schöpfen aus dem tiefen Fundus menschlicher Existenz, können in traurigem Glück schweben, können aber auch hinabstürzen in die Tiefen ausweglosen Seins, in depressives Leiden.

Am anderen Pol der Melancholie lagert die Trostlosigkeit der Depression. Depression ist ein deutliches Zuviel an Melancholie, doch ist auch die Depression nicht primär Krankheit (auch wenn manche begreiflicherweise sich krank fühlen), sondern Depression ist ­ oft sehr belastende ­ Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod.

Nochmals sei betont, dass die Melancholie eine “gesunde" Art ist, in dieser Welt zu sein. Menschen, die ihre Melancholie leben, begegnen ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt behutsam, nachdenklich und friedfertig. Melancholiker sind tiefsinnig, sensibel (gegenüber sich und anderen), ernst, kreativ (oft auch im Stillen), sind naturverbunden und vergehen in Sehnsucht nach Liebe und profundem Wissen. Von Aristoteles stammt die Aussage, dass alle außergewöhnlichen Menschen in Philosophie und Kunst Melancholiker sind ­ ein Hinweis auf das kreative Potenzial der Melancholie.

Viele Melancholiker schützen sich nach außen, indem sie den Fröhlichen oder den Kampflustigen mimen. Das mag manchem gut gelingen, kostet aber viel Energie. Die kann anders eingesetzt werden, wenn die Melancholie als das erkannt wird, was sie ist: eine positive Kraft, die zu höherer Lebensqualität führt.

Melancholie und Depression sind zwei Begriffe, die Unterschiedliches verkörpern. Zwar gilt: nicht jedes Leiden ist Krankheit. Doch verständlich ist, dass manch' depressive Menschen nicht länger leiden wollen und sich ein Ende der Trostlosigkeit und Qual wünschen. Es gibt viele Wege, um aus dem tiefen Loch der Depression wieder nach oben zu kommen; dabei sollte als Ziel nicht der Dauernd-gute-Laune-Typus angestrebt werden, vielmehr gilt es, aus den Tiefen des Tränensees wieder hochzukommen (oder von anderen hochgezogen zu werden) und sich ­ wieder ­ in das besinnlich-schwankende Boot der Melancholie zu retten ...

Die “einfachste" Möglichkeit, die Depression zu dämpfen, ist: allerlei legale oder illegale Drogen (von Alkohol bis Kokain) oder die bunten Pillen-auf-Rezept zu konsumieren. Auch bei den Drogen-auf-Rezept, vom Psychiater verordnet, sollte man achtsam sein ­ da sind medikamentöse Bomben dabei, die nicht nur die Depression betäuben, sondern das ganze Gehirn lahm legen. Homöopathie oder Phytotherapie (z.B. das uralte Antidepressivum Johanniskraut) können ­ gekonnt eingesetzt ­ Linderung bringen.

Psychotherapie kann hilfreich sein oder der Austausch in Selbsthilfegruppen. Darüber hinaus gibt es viele Maßnahmen, welche die Selbstheilungskräfte regulieren, z.B. Nahrungsumstellung (Vegetarismus etc.), Entspannung, Meditation, besinnliche Naturbetrachtungen, bestimmte spirituelle Übungen, “sich das Leiden von der Seele reden", sich der eigenen Highlights (die jeder hat) bewusst werden, heilsame Rituale pflegen, durch bestimmte Übungen “körpereigene Gute-Laune-Drogen" stimulieren (Trampolin springen, Joggen, Tanzen etc.), spezifische angstreduzierende Übungen, die eigene Lebensphilosophie ­ die eigene “private Religion" ­ entdecken und so weiter. Das wichtigste für jeden Melancholischen jedoch ist, die Melancholie in seinem Herzen zu akzeptieren und sich ihrer positiven Seiten bewusst zu werden.

Die Milliarden teure Neurotransmitter- und Psychopharmaka-Forschung erklärt bestenfalls einen Teil des stofflichen Äquivalents der Melancholie, geht aber an ihrem eigentlichen Wesen vorbei. Die Melancholie ­ diese Spannung zwischen Trauer und Licht ­ soll nicht bekämpft oder therapiert werden, sondern man sollte ihren Wert erkennen und respektieren. Wünschenswert wäre nicht weniger, sondern mehr Melancholie auf dieser Welt, dann wäre sie friedlicher und gerechter, das Elend in der Dritten Welt würde man mindern, und vielleicht würden die Männer mit dem Kriegführen aufhören. Mehr Melancholie könnte uns wieder mit den Zyklen der Natur verbinden, brächte mehr tiefes Wissen und ­ mehr Liebe.