Meditation 2

Autor: Wolf Schneider, Herausgeber der Zeitschrift "Connection" und der Buchreihe "connection books", Schreibkursleiter und gibt gelegentlich Einführungen in die buddhistische Meditation.


"denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."

(H. Hesse)

Meditation 2

"Meditier doch mal darüber!" Ihr Gesicht verzog sich zu einem Grinsen, als sie mir aus der Konstellation meines Geburtshoroskops las: Wegen der Konjunktion von Neptun und Saturn im höchsten Punkt meines Geburtshoroskops hätte ich zwischen Disziplin einerseits und der Auflösung aller Formen andererseits den richtigen Mittelweg zu finden. Das sei meine Aufgabe, über die ich zu meditieren hätte. Soso, darüber soll ich jetzt also meditieren ... wie ein dummer Schüler, der eine komplexe Angelegenheit noch nicht gerafft hat, sollte ich nun also darüber nachdenken, inwiefern das meine Lebensaufgabe ist.

In den alten Traditionen Asiens bedeutet Meditation jedoch etwas anderes. Im Buddhismus spricht man (im Sanskrit) von "Dhyan", was im China des 1. Jahrtausends nach Christi zu "Chan" wurde und später in Japan zu "Zen". All das wird in den westlichen Sprachen mit Meditation übersetzt, und es bedeutet etwas ganz anderes als Nachdenken. Denken ist ein mentaler Vorgang, bei dem ein Gedanke auf den anderen folgt, eine Assoziation auf die andere, meist ziemlich unkontrolliert, wie beim Tagträumen. Das "Nachdenken" ist immer noch ein Denken, nur ein bisschen vertieft, vielleicht etwas logischer und konsequenter, aber immer noch ein Folge begrenzter Gedanken.

Der Himmel hinter den Wolken

Meditation hingegen, so wie sie in Asien verstanden wird, meint den Hintergrund, auf dem sich die Gedanken bewegen, den Himmel hinter den Wolken oder die Leinwand hinter den Lichteffekten eines Films. Bei einem Kinobesuch kann sich unser Bewusstein durchaus auch auf die Leinwand erstrecken, auf der sich die Bilder bewegen, nicht nur auf die Bilder und Töne selbst. Wenn wir während des ganzen Films nie vergessen, dass es nur ein Film ist, Lichteffekte auf einer Leinwänd, Töne inmitten der Stille des unendlichen Raums, dann sind wir in Meditation.

Das Denken oder Nachdenken stört bei der Meditation eher, denn wenn wir in Gedanken sind, passiert es uns leicht, zu vergessen, dass wir in Gedanken sind. Wir stolpern dann, weil wir nicht mehr auf den Weg achten oder wir werden fanatisch, weil wir vergessen haben, dass es nur Gedanken sind, Begriffe oder Konzepte, was unsere Gefühle bewegt und unseren Stolz oder Schmerz entfacht.

Das oben beschriebene weite und wache Bewusstsein, das wir meist gerade dann haben, wenn wir nicht in Gedanken sind, sondern einfach hellwach, ist die eigentliche Meditation. Manchmal sprechen wir aber auch davon, dass wir "eine Meditation machen", indem wir etwa nach Anleitung bestimmte Körperbewegungen absolvieren, in eine Kerzenflamme starren oder dem Lauf unseres Atems folgen.

Genau genommen ist das eine Übung, deren Sinn und Zweck es ist, uns in den Zustand der Meditation zu führen, wie gut auch immer das jeweils gelingt. Es kann nun sein, dass ich die ganze Übung brav absolviere ohne dabei auch nur einmal wirklich in Meditation zu sein. Frustriert stehe ich auf und gehe mit dem Gefühl, es nicht geschafft zu haben nach Hause - und auf der Heimfahrt in der Trambahn gerate ich in genau jenen hellwachen Zustand, der die eigentliche Meditation ist.

Regelmäßig meditieren

Trotzdem ist es sinnvoll, Meditationsübungen zu machen - regelmäßig, am gleichen Ort, zur gleichen Zeit und genau nach Vorschrift, denn gerade dadurch lernen wir, unabhängig von Launen und Tagesform alle unsere Gedanken, Gefühle und körperlichen Empfindungen gleichmütig wahrzunehmen. Genau das macht uns nämlich stiller, gelassener, friedlicher, schließlich auch selbstbewusster und selbstsicherer. Immer nur zu meditieren, wenn es mir gut geht (das machen Euphoriker gerne) oder schlecht (dazu neigen Masochisten), führt nicht zu Gleichmut und Gelassenheit, sondern lenkt die Aufmerksamkeit vor allem auf den einen erwünschten oder gefürchteten Zustand.

Auch eine Trance, wie sie beim Sport, durch Singen, Trommeln, Tanzen zu Technomusik, verstärktes Atmen oder verschiedene Drogen hervorgerufen werden kann, sollte nicht mit Meditation verwechselt werden. Viele sogenannte Mantra-Meditationen bewirken eine solche, meist angenehme Trance. Das Bewusstsein ist dabei eingeschränkt, Schmerzempfindungen und andere unangenehme Gefühle sind gemildert - aber auch das ist noch nicht die Meditation, die ich oben zu definieren versucht habe. Echte Meditation ist erst das wache Zeugesein bei jedem emotionalen, mentalen oder körperlichen Zustand. Auch tiefer Schmerz kann so bezeugt werden, Wut, Trauer und höchste Ekstase - der Meditierende identifiziert sich nicht mit den einzelnen Zuständen, sondern beobachtet sie nur und lässt sie vorübergehen.

Dynamische Meditationen

Da die meisten Menschen heutzutage zu gestresst oder genervt sind, um ohne weiteres in diesen Zustand heller Wachheit zu gelangen, in dem sie ihre eigenen Gefühle, Gedanken und Empfindungen vorurteilsfrei bezeugen könnten, haben verschiedene Meditationslehrer sogenannte "Dynamischen Meditationen" entworfen. Das sind Meditationsanleitungen, bei denen sich erst einmal der Körper abreagieren kann, denn erst nach dieser Abreaktion findet der Geist zu der Stille, die das Zeugesein ermöglicht. Eine solche Meditation ist die Kundalini-Meditation von Osho, die aus vier Phasen von je 15 Minuten besteht.

1. Schütteln des gesamten Körpers, um den Stress des Tages auszuagieren.
2. Tanzen (nach einer Musik von der CD)
3. Still stehen oder sitzen (und der Musik oder den Geräuschen lauschen)
4. Rücklings still auf dem Boden liegen und nichts tun.

Genau genommen ist nur die vierte (oder dritte und vierte) Phase die eigentliche Meditation, das andere ist die Vorbereitung zur Meditation. In einen wirklich entspannt wahrnehmenden, meditativen Zustand gerät man eben nicht mit Willenskraft allein - und manchmal gerade mit zu viel Willenskraft nicht. Die Bereitschaft, das Vorhandene anzunehmen, gehört auch dazu und die Gnade, das zu empfangen, was uns geschenkt wird.

Der Atem

Wer sich nicht erst körperlich ausagieren muss (oder möchte), kann gleich damit beginnen, den Atem zu beobachten. Das ist eine der ältesten und wirkungsvollsten Methoden der Meditation. Die Achtsamkeit folgt dabei dem Fließen des Atems vom Einatem zum Ausatem und wieder zum Einatem und so weiter. Die grobe Wahrnehmung des Anfängers versucht dabei zunächst, keinen Atemzug unbeachtet geschehen zu lassen. Anfangs kann das Zählen der Atemzüge dabei ein Hilfsmittel sein, bald aber sollte das wegfallen, weil die Aufmerksamkeit sonst mehr bei den Zahlen verweilt als bei den Atemzügen. Die feinere Wahrnehmung erkennt später auch den Punkt der Umkehr vom Einatem zum Ausatem (den Höhepunkt) und vom Ausatem zum Einatem (den Tiefpunkt). Beide Punkte sind nicht leicht wahrzunehmen, weil die Bewegung dabei gegen Null geht. Die Wahrnehmung beider Punkte ist jedoch bedeutsam, denn wer das Ende eines Atemzugs bewusst geschehen lassen kann, dem fallen Abschied und Loslassen auch in anderen Bereichen des Lebens leicht.

Abschied und Neubeginn

Hermann Hesse hat das in seinem berühmten Gedicht "Stufen" so ausdrückt: "Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zu Abschied sein und Neubeginn", denn "jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und hilft, zu leben." Diesen Anfang machen wir bereits mit jedem neuen Atemzug, der das neue, beginnende Leben symbolisiert, das zu seiner, ihm gemäßen Zeit blüht, wie jede Lebensstufe, und das nicht ewig dauern darf.

So ist gerade die Wahrnehmung der Vergänglichkeit ein wichtiger Gegenstand der Meditation, wenn denn Meditation überhaupt bestimmte Gegenstände hat. Aber da alles in Bewegung ist und nichts fest, lässt sich die Vergänglichkeit auch bei jedem Objekt beobachten: Alles fließt, alles ist in Bewegung und verändert sich. Das meditative Gewahrsein findet inmitten all dieser Veränderung Ruhe in der Identifikation mit dem wahrnehmenden Hintergrund, der an keinem einzigen Bild haftet. Alles geht vorüber, alle Wolken ziehen vorüber, nur der Himmel bleibt.